Kinder

Geschwisterstreit – was ist gut und wo braucht es das Eingreifen von Eltern

In Familien mit mehr als einem Kind vergeht meist kein Tag ohne Streit zwischen den Geschwistern. Je nach Alter werden die Konfliktpunkte lautstark oder – meist dort, wo sprachliche Fähigkeiten fehlen – mit vollem Körpereinsatz ausgefochten. Und egal wie einvernehmlich die errungene Klärung und harmonisch das anschließende Spiel war, der Familienfriede wird schon bald wieder auf die Probe gestellt werden. Das Wissen um diese Dauerschleife in »Und täglich grüßt das Murmeltier-Manier« zehrt an den elterlichen Nerven und treibt uns an manchen Tagen in den Wahnsinn.

Geht es dir auch so? Suchst du immer wieder aufs Neue nach einer Lösung für die wiederkehrenden Streitigkeiten deiner Kinder ohne bisher fündig geworden zu sein?

Was, wenn es diese »finale« Lösung gar nicht gibt? Auseinandersetzungen sind Teil unseres sozialen Miteinanders. Überall dort, wo mehrere Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinandertreffen, beginnt das gemeinsame Ringen, um die Erfüllung der jeweiligen Bedürfnisse. Während Kinder noch nach einer sofortigen Befriedigung ihrer Bedürfnisse streben, haben wir im Laufe unseres Lebens gelernt, diese auch aufzuschieben. Dabei greift jeder von uns auf erlernte Strategien zurück und bedient sich derer, die ihm am erfolgversprechendsten erscheinen.

Je nach Naturell und Erfahrung sind das ganz unterschiedliche Strategien. Ähnlich wie auf dem Fußballplatz gibt es da die sogenannten »Regelspieler«. Sie orientieren sich an den Regeln bzw. Vorgaben des Trainers. Sie kennen diese alle, halten sich daran und erwarten gleiches auch von ihren Mitspielern. Kommt es zu Regelverstößen, wird nach einer Ahndung durch den Schiedsrichter gerufen. Etwas kreativer agieren da die »Taktiker«. Sie können ein Spiel lesen, erkennen mögliche Entwicklungen und agieren genauso gezielt wie flexibel. Ganz ohne Strategie kommt der »Straßenkicker« aus. Er weiß, was er will, nimmt die anderen Spieler wahr und geht dann intuitiv vor, indem er spürt, was jetzt gerade funktionieren kann … Schuss, Tor!

Streit als Lernfeld – Was lernen Kinder beim Streiten?

Was beim Spiel auf dem Platz offensichtlich ist, gilt auch für das alltägliche Streiten: Kinder lernen dabei für ihre Interessen und Bedürfnisse einzustehen und sich gegenüber anderen zu behaupten. Sie lernen Kompromisse zu finden oder Koalitionen zu bilden. Sie erfahren die Bedeutung von Regeln, lernen sie einzuhalten und ihre Einhaltung von anderen einzufordern. Sie erleben sich sowohl in der Rolle des Gewinners als auch in der des Verlierers. Sie lernen Niederlagen zu überwinden und dabei auch die unterstützenden oder tröstende Hilfe anderer anzunehmen. Sie erleben wie es ist, sich wieder zu versöhnen und – eine sehr elementare Erfahrung – wie belastbar ihre Beziehungen sind.

Ist Streit unter Geschwistern oder auch Konflikte mit und unter Kindern ein wichtiges Lernfeld positiver Entwicklungserfahrungen? Nicht ausschließlich und vor allem nicht ohne entsprechende Rahmenbedingungen.

Rolle der Eltern beim Geschwisterstreit

Ob nun Stratege oder Bauchmensch, im Eifer des Gefechtes bleiben die Mittel nicht immer fair. Was eben noch Durchsetzungsstärke war, ist plötzlich ein aggressives Foul. Der Frust über die schwindenden Chancen äußert sich jäh in einer theatralischen Schwalbe. Und gerade die ruhigeren Spieler laufen in solch einem Spielgeschehen Gefahr, überrannt zu werden. Damit Kinder im alltäglichen Streit positive Entwicklungserfahrungen sammeln können, braucht es entsprechende Rahmenbedingungen.

Im Fußball werden diese durch die Spielregeln, den Trainer und den unparteiischen Schiedsrichter geschaffen. Im Familienalltag sind es wir Eltern, die Regeln aufstellen, das Geschehen beobachten und ähnlich wie ein Trainer unsere Kinder in ihrem Streitverhalten coachen. Wir wissen um ihre Stärken und Schwächen. Wir zeigen ihnen verschiedene Verhaltensoptionen und geben ihnen Feedbacks. Wir stellen sie hin und wieder vor Herausforderungen und trösten, wo Frust und Misserfolg schmerzen. Auch braucht es immer wieder unser regelndes Eingreifen wie dem eines Schiedsrichters. Ob es nun die augenzwinkernde Erinnerung an bestehende Regeln ist, oder eine letzte Ermahnung daran, ehe die Grenzüberschreitung sanktioniert wird.

Doch wann können Kinder Streitsituationen selber lösen und wo brauchen sie die elterliche Unterstützung, um eine Lösung herbeizuführen?

Welche Streitsituationen zulassen?

Grundsätzlich ist jeder Streit unter Kinder erst einmal eine Auseinandersetzung zwischen den Kindern. Beobachte die entstandene Meinungsverschiedenheit und aufbrandende Diskussion.

  • Sind beide Kinder in der Lage ihre Position bzw. ihr Anliegen klar zu verbalisieren, gebe ihnen auch die Möglichkeit dazu.
  • So lange grundlegende Regeln eingehalten und bestehende Grenzen nicht überschritten werden, überlasse es den Kindern zu entscheiden, wann sie Hilfe brauchen.
Wo eingreifen?
  • Werden Grundregeln wie z.B. »Wir schlagen nicht.« oder »Wir spucken nicht.« verletzt, ist ein Eingreifen erforderlich. Dabei ist es wichtig, dass die Kinder um diese Grundregeln wissen. Legt klar fest wie viel körperliches Kräftemessen okay ist, und was nicht geduldet wird. Auch sollte sich dein Eingreifen nur auf die Verletzung der Grundregeln beziehen, nicht auf den Streit selbst.
  • Bittet dich dein Kind während eines Streits um Unterstützung, erfordert die erbetene Hilfe nicht die Herbeiführung einer Lösung oder gar die Klärung der »Schuldfrage«, sondern einen Impuls / eine Idee, wie die Kinder selbst die erwünschte Lösung möglicherweise herbeiführen können. Versuche dabei nicht parteiisch zu sein, sondern die Situation aus dem Blickwinkel beider Kinder zu betrachten. Nur so werden beide deinen Impuls aufgreifen und ihren Konflikt damit lösen können. Wendet sich ein Kind nach einem Streit an dich, wird es vor allem erzählen wollen, wie es ihm dabei ergangen ist. Höre ihm zu und nehme seine Gefühl ernst.
  • Gerade bei jüngeren Kindern, denen es noch schwer fällt, sich auszudrücken, kann es eine hilfreiche Unterstützung sein, ihr Anliegen stellvertretend für sie zu verbalisieren.

Und trotzdem zehrt der dauerhafte und wiederkehrende Streit unter Geschwister an den Nerven. Da hilft es nur ab und zu tiiiiiiief durchzuatmen und sich vor Augen zu führen, dass auch heftige Auseinandersetzungen unter Geschwister manchmal schneller wieder vergessen sind, als wir über eine mögliche Lösung nachgegrübelt haben.

Deine

Socialitas

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