Kinder

Nikolaus – Wie sieht ein zeitgemäßer Nikolaus aus?

Von drauss´ vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen;
Sah ich goldene Lichtlein sitzen:
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht´ durch den finsteren Tann,
Da rief´s mich mit heller Stimme an:
«Knecht Ruprecht», rief es, «alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!»

Theodor Storm

Kannst du dich auch noch daran erinnern, dieses Knecht-Ruprecht-Gedicht von Theodor Storm gelernt und vielleicht sogar dem Nikolaus oder Nussmärtel aufgesagt zu haben? Ist der dort beschriebene und für viele von uns erlebte Geselle mit Sack und Rute bzw. dem goldenen Buch, in dem all die guten und schlechten Taten des vergangenen Jahres vermerkt waren und deren Gegenüberstellung nun möglicherweise den Ausschlag für ein Geschenk gab, ein zeitgemäßer Nikolaus?

Nikolaus als Mittel zum erzieherischen Zweck

In einer Zeit, in der es gesellschaftlicher Konsens ist, dass Kinder – auch «böse Kinder» – nicht geschlagen werden, gehört die Rute als ein Relikt längst überholter Pädagogik allenfalls ins Museum. Doch noch immer wird ein christliches Fest bzw. eine christliche Figur wie der Nikolaus für erzieherische Zwecke eingesetzt. Auch wenn es nicht die angedrohte Bestrafung mit der Rute ist, so droht manche/r von uns – meist ganz unreflektiert und ggf. mit einem Augenzwinkern – einen möglichen Geschenkentzug an. Schließlich kommt der Nikolaus nur zu «lieben» oder «braven Kindern». Damit wird in manchen Familien während der Vorweihnachtszeit nicht nur die eigene pädagogische Konsequenz oder eine unangenehme Rolle an den Nikolaus delegiert, sondern mit ihr manchmal auch andere Entwicklungsthemen outgesourct; so z.B. wenn sich die Tochter oder der Sohn vom kleinen Kind-Sein verabschiedet, indem sie/er dem Nikolaus den Schuller mitgeben soll.

Wie kann ein zeitgemäßer Nikolaus aussehen?

Bei unserer Suche nach einem zeitgemäßen Nikolaus bzw. St. Martin sind wir folgendermaßen vorgegangen:

  1. Um welche Geschichte bzw. Überlieferung handelt es sich?
    Vielfach gehört und doch bringt eine Auseinandersetzung damit Details zu Tage, die in Vergessenheit geraten oder ganz neu sind. Was war das für ein Mann, dem wir am 6. Dezember (oder am Martinstag – dem 11. November) gedenken?
  2. Was ist die Moral der Geschichte?
    Warum erinnern wir uns durch den Brauch an die beiden Bischöfe Nikolaus und Martin? Beide Männer waren für ihre Nächstenliebe, ihr uneigennütziges Handeln und ihren Einsatz für die Schwachen der Gesellschaft – Arme und Kinder – bekannt. Man könnte ihr Wirken auch als die heutigen sozialen Projekte von damals beschreiben. Und diese sind nicht daran geknüpft, ob der oder diejenige Unterstützung verdient, sondern dass er oder sie Hilfe braucht. Wo bleibt diese Botschaft des sozialen Engagements, des Teilens, wenn vorm Nikolaustag mit erhobenen Zeigefinger Drohungen ausgesprochen werden und Kinder befürchten müssen, dass der Mann im rotweißen Gewand sie schimpft, vor anderen bloßstellt oder möglicherweise gar nicht beschenkt?
  3. Welchen Nikolaus-Brauch wollen wir pflegen?
    In der heutigen Zeit mangelt es da nicht an Ideen, vielmehr sind wir gefordert, aus der Pluralität an Bräuchen, den für uns passenden zu finden. Ob nun der Nikolaus in persona an unsere Tür klopft, oder im Verborgenen die Stiefel füllt, ist es wichtig, dass der Brauch die menschliche Haltung transportiert, die wir St. Nikolaus und St. Martin zuschreiben. Kinder sollen sich auch und besonders an diesem Tag bedingungslos geliebt fühlen und dazu ermutigt werden, diese Liebe und Zuversicht mit anderen zu teilen.

Wir wünschen dir eine gleichfalls erfolgreiche Suche – vielleicht gehört der zeitgemäße Nikolaus ja auch schon seit vielen Jahren zu eurem Weihnachtsbrauch – und einen schönen Nikolaustag.

Es würde uns freuen statt dem eingebürgerten: «Ho, ho, ho … ward ihr alle brav?», immer öfters ein, «Ho, ho, ho, Kinder, schön euch zu sehen!», zu hören.

Deine

Socialitas

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